Aufbruch zu neuen Beziehungen
Meine Tochter und ich – meine beste Beziehung

Brief an mein jüngeres ICH

Da war sie wieder, eine neue Aufgabe von Judith Peters in ihrem Blogkurs: wir sollen tatsächlich einen Brief an unser x Jahre jüngeres „Ich“ schreiben. Schon wieder so eine Rückschau-Aufgabe! Seit ich an diesem Blogkurs bei Judith teilnehme, kommen gefühlt ständig solche Aufgaben. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich das gut finden soll… in Wirklichkeit komme ich immer wieder an meine Grenzen und bin schon bei zig Artikeln ausgefallen. Einfach weil ich alte Schlangengruben wieder mal neu durchschritten habe und wohlbekannte Ungeheuer traf. Fairerweise muss ich hinzufügen, dass es nicht allein die Aufgabenstellung von Judith war – es passierten in meinem unmittelbaren Freundeskreis auch so einige Geschichten, die bei mir viel auslösten. Noch nie habe ich so deutlich erlebt, wie Schreiben Vergangenheitsbewältigung fördern kann!

Na gut. Ich probiere es. Ich bin sowieso mehrfach in Aufbruchstimmung: seit einiger Zeit habe ich Zweifel an meinem Coaching-Thema. Ich brenne für Beziehungsthemen. Aber ich merke auch, dass mich bei der Zielgruppe „Männer, die in Paarbeziehungen leben oder sich eine wünschen“ irgend etwas zurück hält. Ich mich zurück halte, ich nicht in den Fluss komme und alles irgendwie schwer ist. Das hat keinen Sinn, es muss leicht sein, sonst ist es nicht das richtige Thema.

Aufgebrochen bin ich heute auch zum Flughafen Tegel, um nach Zürich zu fliegen. Dort treffe ich meine Mastermind Gruppe. Eine der Masterminderinnen, Jenne Ragazzo, veranstaltet einen tollen Workshop – Intuitives-Malen – an dem wir alle teilnehmen. Die perfekte Tätigkeit, um in sich zu gehen und sich neu zu sortieren.

Auf dem Weg zum Flughafen gehe ich im Kopf die Jahre zu meinem jüngeren Selbst zurück und suche nach passenden Ereignissen. Ich bin noch voll in Gedanken und mache es mir im Flugzeug gemütlich, da schlägt die Überschrift bei mir ein wie der Blitz:

Was ich meinem 33 Jahre jüngeren ICH unbedingt erzählen möchte

Es brennt mir wirklich auf der Zunge, was ich dir sagen will: Du hast alles richtig gemacht! Du hast alles für dich getan, was möglich war!

Du warst 17 Jahre alt, die Pubertät war zwar schon fortgeschritten, aber die Verwirrung immer noch groß. Das war der Zeitpunkt als du beschlossen hast, aus deinem Elternhaus auszuziehen.

Weg von einer Mutter, die immer voller Schuldgefühle war, weil sie dir deinen Vater vorenthalten hatte und nicht wirklich präsent war. Und deswegen gar kein Gefühl zu dir hatte. Keine Wertschätzung. Keine echte Unterstützung. Es hat sich für dich angefühlt wie: keine Liebe. Das stimmte zwar nicht, aber sie hat sie dir nicht gut zeigen können, ihre Liebe zu dir. Was sie gezeigt hat war eine große Hilflosigkeit gegenüber deinem Hunger nach Leben. Sie hat dich nicht zurück gehalten, hat dich mit dem Kommentar „vielleicht ist es besser so“ ziehen lassen. Das hat in dir ein bitteres Gefühl bestätigt, das Gefühl unerwünscht zu sein.

Weg von einem (Stief-) Vater, dem so wichtigen, warmen und liebevollen Menschen in deinen Kinderjahren. Da die Mutter auf der emotionalen Ebene nicht zur Verfügung stand, war dieser Vater die Rettung für dich, als er – du warst 3 Jahre alt – in dein Leben kam. Er konnte nicht alles an Nähe ausgleichen, was deine Mutter dir nicht zu geben vermochte. Auch war er in anderen Dingen sehr emotional, bis hin zu Wutausbrüchen. Dennoch war er für dich die Rettung, der Ausgleich, der Gegenpol.

Ein Vater, dessen körperliche Nähe du mit 12 Jahren so abrupt verloren hast, weil du zu sehr Frau wurdest. Deinem Vater war deine Entwicklung sehr bewusst, und er hat in seinen Möglichkeiten gehandelt – um dich und sich zu schützen. Die Folgen konnte er allerdings nicht wahrnehmen. Für dich brach eine Eiszeit heran, es gab kein Kuscheln mehr, kein foppen, kein Fangen spielen, was du so sehr genossen hattest, ab dann warst du unendlich allein. Die Eiszeit dauerte auch immer noch an, als du 17 wurdest, und sollte dich noch länger in deinem Leben begleiten. Du hast sie selber gewählt – aus gutem Grund. Das war deine Möglichkeit damals, dich zu schützen.

Du bist auch weggezogen von deinen Geschwistern, die um einige Jahre jünger waren als du. Du hattest wenig Bezug zu ihnen, sie waren weit weg. Du hattest sehr früh die Aufgabe von deinen Eltern bekommen, auf sie aufzupassen. Dadurch warst du nicht mehr die große Schwester.

Und dann bist du wirklich ausgezogen. Um alleine zu wohnen. Mit 17 Jahren! Das war eine klare Ansage gegenüber deinen Eltern. Ich bin heute noch beeindruckt, wie mutig und selbstbestimmt du warst. Das Leben wartete auf dich! Ich bin sehr Stolz auf dich, dass du das gewagt hast.

Die Stimme der Stewardess reisst mich aus meiner Schreibtrance heraus, sie kündigt die Landung in Zürich an. Noch ein bisschen benommen von meiner Zeitreise fühle ich den Stolz für mein 17-jähriges ICH noch deutlich. Dieser vermischt sich mit einem wohltuenden Gefühl. Ein Gefühl zu meiner Tochter, die jetzt bald 17 wird. Wir haben ein sehr enges und warmes Verhältnis zueinander und sie ist mir der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich bin so dankbar, dass ich ihr einen anderen Weg bereiten konnte, das hat sehr viel in mir geheilt. Ich liebe sie von ganzem Herzen.

Ich verspüre plötzlich den Wunsch, dass alle jungen Menschen emotional stabil, sicher und wohlwollend erwachsen werden dürfen. Dass sie Wahlmöglichkeiten haben und sich ausprobieren können – ohne die Erwartungen der Eltern erfüllen zu müssen – um ihren eigenen Weg ins Leben zu gehen.

Jetzt ist mir sonnenklar, mit welcher Art von Beziehung ich arbeiten möchte. Was liegt näher, als meine eigenen wichtigsten Erlebnisse meiner Jugendzeit zu nutzen? Als Mutter einer Teenager Tochter meine Erfahrungen mit Eltern von Jugendlichen zu teilen – und sie in ihrem Kontakt zu ihren Kindern zu unterstützen?