Meine Tochter und ich – meine beste Beziehung

Brief an mein jüngeres ICH

Da war sie wieder, eine neue Aufgabe von Judith Peters in ihrem Blogkurs: wir sollen tatsächlich einen Brief an unser x Jahre jüngeres „Ich“ schreiben. Schon wieder so eine Rückschau-Aufgabe! Seit ich an diesem Blogkurs bei Judith teilnehme, kommen gefühlt ständig solche Aufgaben. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich das gut finden soll… in Wirklichkeit komme ich immer wieder an meine Grenzen und bin schon bei zig Artikeln ausgefallen. Einfach weil ich alte Schlangengruben wieder mal neu durchschritten habe und wohlbekannte Ungeheuer traf. Fairerweise muss ich hinzufügen, dass es nicht allein die Aufgabenstellung von Judith war – es passierten in meinem unmittelbaren Freundeskreis auch so einige Geschichten, die bei mir viel auslösten. Noch nie habe ich so deutlich erlebt, wie Schreiben Vergangenheitsbewältigung fördern kann!

Na gut. Ich probiere es. Ich bin sowieso mehrfach in Aufbruchstimmung: seit einiger Zeit habe ich Zweifel an meinem Coaching-Thema. Ich brenne für Beziehungsthemen. Aber ich merke auch, dass mich bei der Zielgruppe „Männer, die in Paarbeziehungen leben oder sich eine wünschen“ irgend etwas zurück hält. Ich mich zurück halte, ich nicht in den Fluss komme und alles irgendwie schwer ist. Das hat keinen Sinn, es muss leicht sein, sonst ist es nicht das richtige Thema.

Aufgebrochen bin ich heute auch zum Flughafen Tegel, um nach Zürich zu fliegen. Dort treffe ich meine Mastermind Gruppe. Eine der Masterminderinnen, Jenne Ragazzo, veranstaltet einen tollen Workshop – Intuitives-Malen – an dem wir alle teilnehmen. Die perfekte Tätigkeit, um in sich zu gehen und sich neu zu sortieren.

Auf dem Weg zum Flughafen gehe ich im Kopf die Jahre zu meinem jüngeren Selbst zurück und suche nach passenden Ereignissen. Ich bin noch voll in Gedanken und mache es mir im Flugzeug gemütlich, da schlägt die Überschrift bei mir ein wie der Blitz:

Was ich meinem 33 Jahre jüngeren ICH unbedingt erzählen möchte

Es brennt mir wirklich auf der Zunge, was ich dir sagen will: Du hast alles richtig gemacht! Du hast alles für dich getan, was möglich war!

Du warst 17 Jahre alt, die Pubertät war zwar schon fortgeschritten, aber die Verwirrung immer noch groß. Das war der Zeitpunkt als du beschlossen hast, aus deinem Elternhaus auszuziehen.

Weg von einer Mutter, die immer voller Schuldgefühle war, weil sie dir deinen Vater vorenthalten hatte und nicht wirklich präsent war. Und deswegen gar kein Gefühl zu dir hatte. Keine Wertschätzung. Keine echte Unterstützung. Es hat sich für dich angefühlt wie: keine Liebe. Das stimmte zwar nicht, aber sie hat sie dir nicht gut zeigen können, ihre Liebe zu dir. Was sie gezeigt hat war eine große Hilflosigkeit gegenüber deinem Hunger nach Leben. Sie hat dich nicht zurück gehalten, hat dich mit dem Kommentar „vielleicht ist es besser so“ ziehen lassen. Das hat in dir ein bitteres Gefühl bestätigt, das Gefühl unerwünscht zu sein.

Weg von einem (Stief-) Vater, dem so wichtigen, warmen und liebevollen Menschen in deinen Kinderjahren. Da die Mutter auf der emotionalen Ebene nicht zur Verfügung stand, war dieser Vater die Rettung für dich, als er – du warst 3 Jahre alt – in dein Leben kam. Er konnte nicht alles an Nähe ausgleichen, was deine Mutter dir nicht zu geben vermochte. Auch war er in anderen Dingen sehr emotional, bis hin zu Wutausbrüchen. Dennoch war er für dich die Rettung, der Ausgleich, der Gegenpol.

Ein Vater, dessen körperliche Nähe du mit 12 Jahren so abrupt verloren hast, weil du zu sehr Frau wurdest. Deinem Vater war deine Entwicklung sehr bewusst, und er hat in seinen Möglichkeiten gehandelt – um dich und sich zu schützen. Die Folgen konnte er allerdings nicht wahrnehmen. Für dich brach eine Eiszeit heran, es gab kein Kuscheln mehr, kein foppen, kein Fangen spielen, was du so sehr genossen hattest, ab dann warst du unendlich allein. Die Eiszeit dauerte auch immer noch an, als du 17 wurdest, und sollte dich noch länger in deinem Leben begleiten. Du hast sie selber gewählt – aus gutem Grund. Das war deine Möglichkeit damals, dich zu schützen.

Du bist auch weggezogen von deinen Geschwistern, die um einige Jahre jünger waren als du. Du hattest wenig Bezug zu ihnen, sie waren weit weg. Du hattest sehr früh die Aufgabe von deinen Eltern bekommen, auf sie aufzupassen. Dadurch warst du nicht mehr die große Schwester.

Und dann bist du wirklich ausgezogen. Um alleine zu wohnen. Mit 17 Jahren! Das war eine klare Ansage gegenüber deinen Eltern. Ich bin heute noch beeindruckt, wie mutig und selbstbestimmt du warst. Das Leben wartete auf dich! Ich bin sehr Stolz auf dich, dass du das gewagt hast.

Die Stimme der Stewardess reisst mich aus meiner Schreibtrance heraus, sie kündigt die Landung in Zürich an. Noch ein bisschen benommen von meiner Zeitreise fühle ich den Stolz für mein 17-jähriges ICH noch deutlich. Dieser vermischt sich mit einem wohltuenden Gefühl. Ein Gefühl zu meiner Tochter, die jetzt bald 17 wird. Wir haben ein sehr enges und warmes Verhältnis zueinander und sie ist mir der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich bin so dankbar, dass ich ihr einen anderen Weg bereiten konnte, das hat sehr viel in mir geheilt. Ich liebe sie von ganzem Herzen.

Ich verspüre plötzlich den Wunsch, dass alle jungen Menschen emotional stabil, sicher und wohlwollend erwachsen werden dürfen. Dass sie Wahlmöglichkeiten haben und sich ausprobieren können – ohne die Erwartungen der Eltern erfüllen zu müssen – um ihren eigenen Weg ins Leben zu gehen.

Jetzt ist mir sonnenklar, mit welcher Art von Beziehung ich arbeiten möchte. Was liegt näher, als meine eigenen wichtigsten Erlebnisse meiner Jugendzeit zu nutzen? Als Mutter einer Teenager Tochter meine Erfahrungen mit Eltern von Jugendlichen zu teilen – und sie in ihrem Kontakt zu ihren Kindern zu unterstützen?

Die Beziehung soll einfach nur laufen….

Dieser Artikel ist was für Selbstoptimierer, die wollen, dass der Laden einfach nur läuft. Bloß nicht viel Gedanken drüber machen. Oder vielleicht doch? Hier geht es um Beziehungen und was das mit Kohärenz, Effizienz und Effektivität zu tun hat. Und letztendlich mit Gesundheit. Unser Gehirn hat uns ganz schön im Griff. Wer das weiß, kann manche Situationen anders angehen.

Ein guter Freund und ich saßen auf ein Glas zusammen und plauderten über das Leben, da kam plötzlich eine merkwürdige Forderung von ihm: die Beziehung mit seiner Frau solle doch einfach nur laufen. Verdutzt schaute ich ihn an. Ernsthaft? Ich kenne ihn als einen sehr souveränen und lebensweisen Mann. Diese Aussage wundert mich doch schon sehr.

Kann es nicht wenigstens zu Hause entspannt sein?

Er blinzelte mir verschmitzt zu. Naja, er wisse ja, dass das nicht so zu erwarten sei. Aber nach der Arbeit, die immer anstrengender werde, dem Stress mit den Kollegen, dann noch Berufsverkehr … Kann es dann, bitte schön, nicht wenigstens zu Hause entspannt sein?

Klar, wünschen wir uns dass nicht alle mal?

Tatsächlich begegne ich besonders Männern, die mir versichern: Sie wissen ja, dass Beziehungen nicht einfach so von alleine liefen. Aber insgeheim hoffen Sie es doch. Eigentlich verstehen Sie, dass Beziehungen immer einen gemeinsamen Austausch erfordern– handeln dann aber doch nicht so. Wie kommt das?

Effizienz vs Effektivität

Eine Erklärung ist: das Gehirn strebt nach Kohärenz, das ist sein Lieblingszustand. Es bedeutet: so wenig Energie verbrauchen wie möglich. Daher kommt auch diese Begeisterung und Streben nach Effizienz – möglichst schnell und mit minimalem Aufwand etwas erreichen.

Ich selber kenne das so gut! Fühlt sich an wie auf Droge. Ist das auch: Dopamin ist der Stoff für das Belohnungszentrum im Gehirn, es treibt dich an und macht aber auch einen Zustand des craving, also ein Suchtverhalten. Ob dieses Ziel auch effektiv ist, ist eine andere Frage. Effektiv ist nämlich erst dann etwas, wenn wir das Richtige tun. Also wenn es den Effekt hat, der uns wirklich zu dem Ziel führt, wo wir hin wollen. Immer wieder ist der Aufwand von Zeit und Anstrengung beim Erreichen eines Ziels nicht so effizient, wie wir es uns vielleicht wünschen. Oder wie das Gehirn es sich wünscht.

Wir wollen also, wenn wir müde von der Arbeit kommen, so schnell wie möglich eine Kohärenz für unser Gehirn herstellen. Denn ein erschöpftes Gehirn ist nicht gut in der Lage, Inkohärenz wie Streit und Stress auszuhalten. Leider sucht der Besitzer des Gehirns häufig nach einer schnellen (scheinbar effizienten weil kurzfristigen) Lösung, Alkohol zum Beispiel (Dopamin – craving!).

Dabei wäre es doch sinnvoller, sich erst mal zu fragen

  • Was wichtiger ist und
  • Wo will ich eigentlich hin? Also was will ich erreichen?

Gemeinsam auftanken

Klar ist auch: auf der Arbeit gibt es häufig Situationen, die schwierig oder einfach vorgegeben sind. Die müssen wir manchmal hinnehmen, und das kostet Energie. Zu Hause haben wir eher das Gefühl, dass wir selber bestimmen können – wäre auch schlimm, wenn nicht. Nur, wenn im Job die Belastungen hoch sind, dann wird es schwieriger, sich auf Bedürfnisse des Partners einzustellen und sich auszutauschen. Dabei ist der Austausch zwischen den Partnern gerade dann wichtig, denn mit einer guten Verbindung zum Partner kann man wieder auftanken. Dafür müssen wir uns gemeinsam Räume schaffen. Räume und Zeiten, die zum gemeinsamen Auftanken festgelegt sind. Sehr nützlich dafür sind zum Beispiel Rituale, die wir als Gewohnheit entwickeln können. Diese können auch ganz nonverbal ablaufen.

Ein simples aber wirkungsvolles Ritual ist: verabschiedet und begrüßt euch bewusst, indem ihr euch umarmt. Einen Moment innehalten und sich und den anderen spüren. Die Umarmung dauert einen kleinen Moment länger als für euch üblich. Der Kuss kommt danach, nicht dabei! Und das täglich. Fange klein an. Zuerst nur, wenn ihr zur Arbeit geht und wiederkommt. Später könnt ihr das erweitern, verlängern, häufiger tun. Und ja, es dauert ein paar Minuten, aber diese Zeit ist gut investiert!

Rituale können auch nonverbal ablaufen

Oxytocin hilft gegen Stress und Burnout

Da wir soziale Wesen sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir von einem gemeinsamen Raum sehr profitieren können. Körperliche Nähe, die wir genießen können, lässt unser Gehirn Oxytocin ausschütten. Es wird auch das Bindungshormon genannt: es fördert Vertrauen, die Bindung von Eltern und Kindern, darüber hinaus vertieft es die Beziehung von Paaren, wird beim Sex ausgeschüttet, dämpft Aggressionen und reduziert Stress und Angst. Es hat wichtige Aufgaben beim Geburtsvorgang und ist eines der sechs Glückshormone, die im Gehirn produziert werden.

Haben wir, anders herum, in unserer Beziehung Stress, der uns dauerhaft belastet, so ist die Wahrscheinlichkeit eines Burnouts recht hoch – also halten wir der (zusätzlichen) Arbeitsbelastung nicht mehr stand.

Besonders für Männer: gute Beziehung gleich längeres Leben

Ganz klar profitieren Männer sehr von einer guten Beziehung. Sogar mehr als Frauen, wie viele Studien feststellen.

Häufig ist die Fürsorge ihrer Frauen ein Grund, warum es Männern in einer Beziehung gesundheitlich besser geht.

Männer merken erst sehr spät, wenn eine Beziehung in einer großen Krise steckt. Frauen machen sich oft schon länger Gedanken und suchen nach Lösungen für sich. Männer fallen dann aus allen Wolken, wenn die Lösung ihrer Frau ist, die Beziehung zu beenden. Nach einer Trennung erholen sich Frauen schneller und oft vollständig davon, Männer häufig gar nicht mehr.

Das hat etwas mit der unterschiedlichen Stressbewältigung zu tun. Männer sind eher leistungs- und erfolgsorientiert und neigen mehr zu Depersonalisation/Depression. Frauen sind eher sozial/emotional/kollektiv orientiert und leiden mehr an emotionaler Erschöpfung. Das ist sowohl im Arbeitskontext als auch in Beziehungen zu erkennen. Männer sind viel mehr vom Leistungsdruck getrieben als Frauen. Hier kommt die Effizienz als Leistungsmerkmal wieder ins Spiel.

Diese Unterschiede sind sogar in der Hirnforschung nachgewiesen.

Also Männer, wollt ihr lieber eine effiziente oder eine effektive Beziehung führen? Offensichtlich ist es schlau, mal einen Gang runter zu schalten und hin zu schauen: nicht ob sondern wie die Beziehung gerade so läuft. Und sich ein paar kreative Rituale einfallen zu lassen – das tut nicht nur der Beziehung und deiner Gesundheit gut, sondern ganz gewiss auch euren Frauen.

Brauchen wir die großen Helden, die mit einem Schlag die Welt verändern? Alltagshelden und Vorbilder sind eng verbunden mit Werten und Taten. Es geht weniger um Macht als um Bedeutung.

Beim Schreiben meines letzten Blockartikels wurde mir klar, dass ich als Kind so gut wie keine Vorbilder hatte. Das machte mich traurig und erinnerte mich daran, dass ich mir sehr vieles später selbst erarbeiten musste. Vorbilder berühren auf eine bestimmte Art und Weise – meistens sprechen Sie Bedürfnisse an wie: wahrgenommen und wertgeschätzt werden, Gerechtigkeit und auch Zugehörigkeit.

Vorbilder geben Orientierung indem sie bestimmte Werte vertreten und für sie einstehen. Diese Menschen engagieren sich für eine Sache – für einen Moment oder auch dauerhaft, haben Mut und handeln selbstlos. Sie motivieren, sie nachzuahmen, um auch so zu werden wie sie. Dadurch entwickeln und festigen sich die eigenen Werte. Helden werden dann zu echten Vorbildern, wenn sie etwas erreichen. Deswegen Sind sie wichtig für die persönliche Entwicklung.

Wenn ich meinen Helden allerdings zu hoch auf einen Sockel hebe und nicht kritisch hinterfrage, kann es passieren, dass er mich enttäuscht. Wenn er zeigt, dass er auch nur ein Mensch mit seinen Schwächen ist. Das liegt meist daran, dass mein Selbstwert zu sehr von der Zuneigung oder Aufmerksamkeit meines Helden abhängt, ich mich also abhängig von ihm mache.

Bedeutung

Ein Held tut etwas für mich bedeutsames und er wird für mich erst dann zu einem Held, wenn ich ihm diese Bedeutung gebe.

Bei Netto um die Ecke gibt es einen Kassierer, auf eine besondere Art mit den Kunden spricht: unbekümmert flachst er mit den Leuten, macht Späße und weist auch manche Kunden geschickt zurecht, wenn sie allzu fordernd werden. Dadurch regelt er fast wie nebenher Streitereien und lockert die Stimmung auf. Er rettet damit nicht Leben oder ist besonders selbstlos, und ist in diesem Sinne vielleicht kein besonders großer Held. Aber ein bisschen Mut gehört schon dazu, so aufzutreten. Und er vertritt für mich den Wert von einer respektvollen und positiven Gemeinschaft, also Zugehörigkeit. Für mich ist er ein Alltagsheld, denn durch seine Art macht er die Welt ein kleines bisschen besser. Jemand anderes würde ihm diese Bedeutung gar nicht geben.

Taten zählen

Für mich sind Helden des Alltags durchaus Menschen, die vielleicht nur eine besondere Eigenschaft haben und diese leben. Ich muss mich diesen Menschen nicht besonders verbunden fühlen. Je mehr sie natürlich auch meine Werte vertreten, desto bedeutungsvoller werden sie und desto verbundener fühle ich mich. Aber es müssen nicht immer große Heldentaten sein, die sie zu Helden machen. Für mich kommt es auch auf das Durchhaltevermögen an. Jemand, der dauerhaft etwas Gutes zur Welt beiträgt, kann für mich eine genauso große oder sogar größere Bedeutung haben wie jemand, der ein einziges Mal eine Heldentat vollbringt und dafür dauerhaft gefeiert wird. Aber natürlich hängt das auch immer von dem Inhalt der Heldentat ab.

We can be heroes …

Ich finde es wichtig, auf die kleinen Dinge zu achten. Wenn wir genau hinschauen, können wir eine Menge Alltagshelden oder auch kleine Heldentaten beobachten. Dafür ist es gut, die eigenen Werte zu kennen und offen für Neues zu sein. Mich motivieren kleine Taten von Menschen sehr. Ich weiß, dass wir alle auch unsere Eigenarten haben und ich orientiere mich eher an der Tat selber und an der Einstellung, anstatt zu erwarten, dass die Menschen perfekt sind. Ich finde es lohnt sich, die Augen und Herzen dafür offen zu halten – und selber damit anzufangen. Auch wenn es erst mal nur für einen Tag ist.

… just for one day

Wenn man mich nach meiner Vision fragt, komme ich ins Schlingern. Ich stolpere über das Verständnis von Vision und entdecke, was mir dabei helfen kann.

Visionsübung

Im Business Coaching ist es gang und gäbe, mit Visionen zu arbeiten. Jeder braucht eine, um im Business erfolgreich zu sein. Wenn ich Visionsübungen machen soll, heißt es dann: mache sie bunt, mache sie unendlich groß und schön, nimm viele Farben, mal dir ein Bild und besser noch einen 3D Film, in dem du die Hauptrolle spielst.

Wer ist dabei und wo befindest du dich? Meistens endet es bei mir (und auch bei den anderen) an einem Strand mit rauschenden Wellen und Sonnenuntergang, eigenes Strandhaus oder eine vergleichbare weichgezeichnete und paradiesische Situation. Alles reinpacken was du dir so wünschst. Unbedingt große Zahlen nennen.

Für mich alles sehr unrealistisch. Ich bin Realistin, für mich ist es total unglaubwürdig, von riesig großen Zielen und Zahlen zu sprechen, sie sind zu weit weg und nicht greifbar. In mir macht sich ein Gefühl breit von Hochstapelei. Ich tue so, als wäre ich eine Person, die Superkräfte hätte. Wonderwoman. Ich kann die Menschheit verändern, die (böse) Welt besiegen. Oder gleich neu erschaffen. Die Menschheit als Ganzes? Was für ein riesiges Vorhaben.

Bin ich etwa Gott? Ich denke:

Ich bin doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe, was kann ich schon bewirken

Halt, das stimmt so wieder auch nicht! Denn wenn diese Analogie stimmen würde, dann würde die Menschheit als Getriebe komplett still stehen, wenn ein kleines Rädchen klemmt, also in dem Fall ein Mensch nicht funktioniert. Es gibt genügend Menschen=Rädchen, die gar nicht „funktionieren“ (aus welchen Gründen auch immer).

Die werden schnell ersetzt, fraglos ausgetauscht und vergessen. Sie fallen aus dem System, ohne dass das System stehen bleibt. Es gibt gruselige Strömungen im System Menschheit, im Getriebe Menschheit, die ich als einzelne gar nicht aufhalten kann. Da fühle ich mich machtlos.

Aber stimmt das überhaupt? Waren nicht Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela alles einzelne Personen, sogar Jesus? Und haben sie die Welt nicht nachhaltig verändert und beeinflusst?

Das waren und sind doch Ausnahmen, trotze ich, das sind Menschen die im richtigen Moment am richtigen Ort waren. Haben die richtigen Bewunderer und Unterstützer gefunden und konnten so ihre Rolle spielen. Aber hatten sie Macht? In meine Gedankenströmen macht sich noch etwas anderes bemerkbar: Bedeutsamkeit.

Vorbilder helfen für die eigenen Visionen

Vor ein paar Tagen gab es im Tagesspiegel in der Rubrik „Menschen helfen“ ein großes Interview mit Kailash Satyarthi, der seit mehr als 30 Jahren gegen Kinderarbeit kämpft. Die UN Kinderrechtskonvention ist 1990 in Kraft getreten, seit dem ist die Zahl der arbeitenden Kinder von weltweit 260 Millionen auf 152 Millionen gesunken, und daran war er maßgeblich beteiligt. Eine riesige Zahl!

„Mein ganzes Leben werde ich dafür kämpfen, diese Zahl auf null zu verringern. Mein Ziel ist die Globalisierung des Mitgefühls“.

Was für eine Vision! Da bekomme ich Gänsehaut und das Beste: Ich glaube ihm aufs Wort! Was ist hier anders? Für mich ist Kailash Satyarthi ein echter Held. Er hat tatsächlich seine Arbeit aufgegeben, um für Kinderrechte zu kämpfen. Das war bestimmt nicht leicht, und es gab sicher viel Gegenwind und Hindernisse. Er ist mit Herzblut dabei und gegen Kinderleid zu kämpfen macht Sinn.

Deswegen ist er überzeugend. Er ist sehr real, irgendwie anfassbar, und damit fassbar (im Sinne von begreifbar). Ich könnte mir sogar vorstellen, diesen Mann zu interviewen. So real ist er für mich.

Mir wird gerade richtig klar: wir sind keine Rädchen im Getriebe. Genau deswegen brauchen wir Visionen, etwas größeres als uns selbst. Um uns aufzuraffen, die Welt zu verändern, Menschen zu bewegen, die Welt zu verbessern. Um über uns hinaus zu wachsen. Vorbilder wie Kailash Satyarthi, also Helden und doch reale Menschen, helfen uns dabei. Menschen die noch leben und sichtbare Dinge tun. Die messbare Erfolge haben. Wir brauchen diese Menschen, diese Vorbilder. Allein schon für unsere eigene Motivation, um an uns zu glauben – und um Beweise zu haben, dass es machbar ist.

Auf der Suche nach Vorbildern

Mir fällt auf, dass ich lange keine Vorbilder hatte. Immer wenn die Frage danach aufkam, taucht in meinem Kopf ein Fragezeichen auf. Wenn ich mich zurück erinnere waren meine Kindheitshelden aus dem Fernsehen: mit sieben oder acht Jahren die rote Zora und ihre Bande (die gab es wirklich!). Irgendwie auch Pippi Langstrumpf, aber die war erfunden. Schon damals war ich Realisten 🙂

Später kamen Nina Hagen, John Lennon und Doktor Frank’n Furter (also Tim Curry) aus der Rocky Horror Picture Show dazu. Eher Idole als Helden, unnahbar weit weg.

Alltagshelden? Fehlanzeige.

Ein einziges Vorbild in meinem Alltag war kurzzeitig mal unsere Nachbarin. Sie hatte feuerrote Haare, lebte ein wildes, sehr kreatives Leben, nahm kein Blatt vor den Mund und sagte immer, was sie dachte. Sie eckte aber auch dauernd an in ihrer Umgebung, was sie selbst allerdings nicht bekümmerte. Ich aber war damals sehr hin- und hergerissen, vor allem auch, weil ich sehr feine Antennen für meine Umgebung habe, wie sie reagiert. Obwohl sie sozial engagiet war, verfolgte sie aber keine höhere Vision (aha!) und war für mich zu durchgeknallt, um ein geeignetes Vorbild zu sein.

Und was ist mit den Alltagshelden hier und jetzt? Vor allem in der nächsten Nähe? Wen kenne ich da?

Mir fällt Raúl Krauthausen ein, ein Inklusionsaktivist, der sich sehr für Behindertenrechte einsetzt. Ihn habe ich sogar schon mal in der U-Bahn getroffen.

Oder der Architekt Van Bo Le-Mentzel, der mit seiner Tiny Haus University in Berlin dafür kämpft, mehr bezahlbaren Wohnraum nicht nur in Berlin zu schaffen und damit Menschen vor Obdachlosigkeit bewahren möchte.

Das sind für mich Helden! Das sind normale Menschen wie du und ich, anfassbar und in meiner Nähe. Sie inspirieren, motivieren und erreichen etwas – aber dafür kämpfen sie auch, haben Hindernisse vor sich, die vielleicht schwer zu überwinden sind – sie machen es trotzdem und sind sehr menschlich dabei.

Ich nehme mir vor, Tuchfühlung mit meinen Alltagshelden aufzunehmen. Über meine Vision berichte ich dann nächstes Mal.

… aber an Weihnachten besonders spürbar

Heiligabend allein muss nicht einsam sein

Dieses Jahr wird für mich ein Heiligabend ohne Familie sein – aus persönlichen und logistischen Gründen. Vorsorglich beschließe ich, den Abend alleine zu verbringen. Meine Freunde sind sowieso alle mit ihren Familien beschäftigt, da fühle ich mich eher fehl am Platz. Allerdings ein paar Stunden in einem Café mit WLAN sollten es schon sein.

Ich habe beschlossen: das wird der Tag sein, an dem ich mit einer neuen Gewohnheit starte: schreiben in Cafés! Jetzt freue ich mich richtig auf den 24. Dezember 2018.

Für den Anfang nehme ich mir einen Jahresrückblick vor. Ein paar Erinnerungen habe ich schon aufgeschrieben, um nicht von null anzufangen. Nun sind an Heiligabend ausgerechnet die meisten Cafés früh zu. Daran hatte ich nicht gedacht. Egal, denke ich, ich werde schon eins finden. Ich bin neugierig, wen ich so treffe. Vor allem, wenn es gegen Abend geht. Ich mache mich auf den Weg und bin überrascht: die Straße ist voll von Menschen. Viele kleine und große Menschen – Familien. Sie wuseln herum, als würden sie sonst nie rauskommen. Eine fröhliche Stimmung. Die Menschen in dem Café, in dem ich nun angekommen bin, die sich angeregt unterhalten, ein Liebespärchen … all das macht mir mein Allein-sein bewusst, auch wenn ich das gerade scheinbar nicht bin.

Schon die Tage vorher hörte ich von meinen Freunden und der Familie, wie sie sich auf Heiligabend vorbereiten. Was sie planten und wie sie sich darauf freuten. Auch wenn ich gerne in Gesellschaft bin – es macht mir nichts aus, alleine zu sein. Das war nicht immer so.

Alleine und einsam

Alleine und einsam zu sein, keinen zu haben, mit dem ich mich verabreden kann, das erinnert mich an die Zeit, in der ich als 17-Jährige zum ersten Mal alleine gelebt habe. Ich war in der Oberstufe und bin nach der Schule aus Einsamkeit zu Karstadt gegangen, ohne etwas zu kaufen. Nur um unter Menschen zu sein. Einsam war ich trotzdem. Ich ging damals sehr gerne zu Schule, denn dort waren Menschen, mit denen ich reden konnte. Die Einsamkeit hat mich noch viele Jahre begleitet. Es war ein langer Prozess, die Einsamkeit auf „nur noch allein sein“ zu verändern und jetzt das Allein-sein wirklich zu genießen. Ganz kleine Schritte, manchmal kaum zu bemerken. Einsam war ich allerdings schon vorher, nur dort wurde es mir deutlich bewusst.

Der Soziologe Robert Weiss von der University of Massachusetts hat in den 70-er Jahren zwei Arten der Einsamkeit unterschieden: die emotionale Einsamkeit, wenn Menschen fehlen, denen ich zutiefst vertraue und mit denen ich emotional verbunden bin und die soziale Einsamkeit, wenn die Gemeinschaft fehlt, der Clan, dem ich zugehöre.

Um 18 Uhr werde ich freundlich aus dem Café gebeten. Ich suche ein neues und muss ein paar Straßen weit laufen. Zwischendurch begegnet mir eine rote Zipfelmütze, Glockengeläut, Menschen hasten schnell noch zur schon geschlossenen Kirchentür. Ich finde ein Café, das bis 24 Uhr geöffnet hat, und suche mir einen schönen Platz. Die Menschen hier sind bunt gewürfelt, viele haben reserviert.

Allein-sein ist normal – wir sind getrennte Wesen

Ab der Geburt sind wir eindeutig getrennt, auch wenn es schon vorher der Fall war. Im Mutterleib vollständig mit Fruchtwasser umhüllt ist es äußerst schwierig für das Wesen dort, sich als einzelnes wahrzunehmen – natürlich auch, weil das Gehirn und damit die Fähigkeit sich wahrzunehmen noch nicht so weit entwickelt sind. Aber ein getrenntes „Es“ entsteht schon gleich nach der Befruchtung, wenn auch erst mal neun Monate in Abhängigkeit zur Mutter.

Die Trennung während der Geburt ist ein einschneidendes Erlebnis und sehr wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit. Das erste Mal außerhalb der Mutter! Im Idealfall ist der Vater da, der das neue Wesen in dieser neuen Welt willkommen heißt.

Wir sind getrennte Wesen. Nur als getrenntes Wesen können wir eigene Erfahrungen machen, gerade in Abgrenzung zu unseren Eltern.

Es geht also auch um Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Dazu gehört die spürbare Liebe der Eltern, also körperliches Angenommen-sein. Konnten wir in unserer frühen Kindheit genügend Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit sammeln, werden wir uns als getrennte Wesen bewusster. Wir werden auch in anderen Trennungserfahrungen sicherer sein, wir werden leichter neue Kontakte knüpfen können – als ich aus meinem Elternhaus ausgezogen bin, war das nicht der Fall. Wenn wir nicht gut allein sein können, haben wir in der Kindheit möglicherweise zu wenig Nähe und Freiheit erlebt.

Die gute Nachricht ist: sich selbst bewusster zu werden, Nähe und Verbindung zu spüren kann jeder lernen.

Einsamkeit – ein Alarmsignal

Einsamkeit kennt wohl jeder mal … meist kommt sie und geht auch wieder. Anders ist es, wenn sie nicht mehr geht. Wenn sie zu einem ständigen Begleiter wird und dich wie ein Schatten verfolgt. Oder gefühlt schon immer da war. Dabei ist sie ein wichtiges Alarmsignal. Dass du dich kümmern solltest – um dich, deine Sicht auf das Allein-sein und die Qualität deiner Beziehungen, auch die zu dir selbst. Einsam kann man auch unter Menschen sein, sie hat erst mal nichts mit allein sein zu tun oder mit der Anzahl von Menschen, die man kennt. Das sagt auch Dr. John Cacioppo, Mitgründer der Gesellschaft für soziale Neurowissenschaften und Autor des Buches „Lonliness: Human Nature and the Need for Social Connection“.  Der wohl größte Forscher der Einsamkeit ist leider im März diesen Jahres gestorben.

Einsamkeit ist die Angst, ausgeschlossen zu werden

Diese Angst ist ein uraltes Gefühl. Vor langer Zeit haben wir in Gruppen gelebt und uns gegenseitig geschützt und versorgt. Ein Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutete ziemlich sicher den Tod. Dies war auch die größte Strafe, die ein Mitglied eines Clans treffen konnte: Verbannung. Heute ist es Einzelhaft. Das Gefühl von Einsamkeit wird im Angstkern des Gehirns produziert und will uns vor der Isolation aus der Gemeinschaft warnen.

Diese Hirnreaktion macht uns zu den sozialen Wesen, die wir sind. Sie ist extrem wichtig für ein funktionierendes gesellschaftliches Leben. Durch Fernsehen und Internet, Essen wird bestellt und gearbeitet wird immer mehr von zu Hause aus, erleben wir im Alltag wenig sozialen Austausch, wenn wir ihn nicht aktiv suchen. In unserer Gesellschaft gibt es immer weniger verbindliche Gemeinschaften – die Zahl der dauerhaft einsamen und isolierten Menschen steigt. Der Wunsch, dazu zu gehören, Menschen um sich zu haben, denen man vertrauen kann und die sich auch um uns sorgen ist aber ein grundlegendes Bedürfnis nach Verbindung. Laut der aktuellen Gutenberg-Gesundheitstudie unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Beutel gibt jeder zehnte Mensch an, einsam zu sein. Das Risiko, an Depressionen, Suizidgedanken und Angststörungen zu leiden ist deutlich erhöht.

Wir spüren die Einsamkeit häufig deutlich, wenn unser soziales Leben sich verändert – Umzug, neue Umgebung, neuer Job, eine Party, auf der du niemanden kennst und natürlich Trennung von einem geliebten Menschen. Die Angst vor Einsamkeit ist auch die größte Motivation, an ungesunden Beziehungen festzuhalten. Das ist ein Trugschluss, denn die fehlende Qualität in einer ungesunden Beziehung wird dir sehr wahrscheinlich viel Einsamkeit bescheren. Über tote Pferde, die du reitest, und von denen du besser absteigen solltest schreibe ich in einem späteren Artikel.

Entscheidend ist auch, ob allein sein fremdbestimmt ist oder ob du das Allein-sein selbst gewählt hat. Dann kann es auch sehr befreiend sein.

Und deine Beziehung zu dir selbst?

Wir sind nicht immun gegen Einsamkeit. Viel wichtiger ist, dieses Alarmsignal ernst zu nehmen und aktiv zu werden. Suche also neue Verbindungen, Gruppen (Sport, Verein, Freundeskreis), zu denen du dich zugehörig fühlst. Schau dir deine bestehenden Beziehungen an, ob sie dir geben, was du brauchst. Aber wichtig ist auch: wie gehst du mit dir selbst um?

Diese wichtige eigene Erfahrung liegt mir sehr am Herzen: meine Beziehung zu mir selbst. Selbstbewusstsein entwickeln wir immer im Kontakt zu anderen und zu uns selbst. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe hat auch ganz viel mit meiner eigenen Wahrnehmung zu tun – ob ich meinen Platz in der Gruppe auch wahrnehmen kann – wahrnehmen im Sinne von erkennen und einnehmen. Mit Menschen in Kontakt zu sein, denen ich vertraue und zu denen ich eine emotionale Verbindung habe, hat auch ganz viel damit zu tun, wie weit ich dieses Vertrauen aufbauen kann und wie weit ich emotionale Nähe zulasse. Mich also selber öffne und mich mit meinen Gefühlen zeige und damit eine Verbindung herstelle.

Seit mir damals meine Einsamkeit so sehr bewusst geworden war, hat es noch einige Zeit gedauert, bis ich erkannte, dass ich selber daran etwas ändern kann. Diese Einsicht ist der erste Schritt und absolut wichtig. Ab da habe ich mir Hilfe geholt. Es war ein langer, steiniger Weg mit Erdrutschen dazwischen, bis ich mein Allein-sein auch wirklich genießen konnte. So steinig muss der Weg nicht sein. Rechtzeitig hinschauen und erkennen, dass du selber handeln musst – diese Entscheidung nimmt dir keiner ab.

Nie hätte ich zu träumen gewagt, hier an Heiligabend einen ganzen Nachmittag und Abend alleine zu verbringen, mit mir selbst und meinem Artikel. Es hat sich gelohnt und ist ganz anders als vor vielen Jahren. Ich habe bewusst das Allein-sein gewählt und war sehr neugierig, wie die Situation verlaufen wird. Schön, dass das Thema mir so „zufällig“ über den Weg gelaufen ist – den Rückblick von 2018 schreibe ich wohl in den nächsten Tagen.

Was für ein Zufall! Gerade hat mich noch ein Freund angerufen, der auch an Heiligabend alleine ist. Er kommt gleich vorbei und wir haben die Möglichkeit, unsere Beziehung qualitativ zu verbessern – durch ein offenes und ehrliches Gespräch zum Beispiel.