Wenn ich mir Instagram und Co. anschaue, schwanke ich regelmäßig zwischen Langeweile und Übelkeit: endlos polierte Feeds, überall schöne Menschen und Sprüche und immer mehr kommen die “authentischen Profile” dazu. Aber wie echt ist diese Authentizität?

Authentizität ist für mich das am schlimmsten missbrauchte Wort der Sozialen Medien und in meinen Augen einfach nur eine Marketing-Kategorie mehr.

Es ist ein überfrachtetes, ausgeschlachtetes und fremdbeschämendes Wort geworden. US-Marketing-Gurus und auch hiesige Marketer schreien seit einigen Jahren laut: be authentic!

Die ganze Medienlandschaft spricht von Authentizität. Jeder im Marketing versichert dir: Du brauchst Authentizität, unbedingt! Um dich von der Masse abzuheben. Um anders zu sein als die Marketingstrategien der Anderen. Um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Menschen wollen sich in dir wiedererkennen, dadurch gewinnst du Vertrauen. Weil wir sind ja so echt!

Ja, schon klar, vor allem in den Sozialen Medien.

Schöne Fassade oder Chaos?

Für mich ist diese ganze Gewese um Authentizität nur eine weitere Marketingstrategie. Was sehen wir denn, wenn es darum geht, authentisch und echt zu sein? Wir sehen einen schön designten, angemalt, lackiert, poliert und strategisch sortierten Instagram Account. Zwischendurch ein paar Sinnfragen oder Sprüche. Fotos, zwar vielleicht verwackelt (sieht authentisch aus!!!), die schöne Menschen und saubere gestylte Wohnräume zeigen, mit ein bisschen unaufgeräumten Quotenzeugs, damit es lebendiger aussieht. Videos, die ganz zufällig entstanden aussehen. Eingebettet in eine persönliche Story.

Ja natürlich gibt es Menschen, die äusserlich so leben. In einer shiny Welt mit Influencer-Style. Damit erreichen sie, dass viele Follower, die sich das Zeugs reinziehen, auch haben wollen, was sie sehen: schicke gestylte Wohnung, tolle Klamotten, super Familie, alle schön und fancy. Dazu noch eine persönliche Erfahrung, eine Fragestellung, eine eigene Erkenntnis oder ein schickes Zitat – fertig ist die Werbewelt..

Aber das ist alles äußerlich, eine Fassade und nicht authentisch. Denn irgendwie schaffe ich es nicht, ihnen abzunehmen, dass sie auch schräge Tage und unglückliche Momente haben. Die passen aber nicht in das Hochglanz – Leben.

Was ist mit dem Chaos, das bei vielen Menschen existiert? Ob im Kopf oder im Wohnzimmer? Was ist mit wirklich schlimmen Gefühlen? Mit dem verlotterten Gesicht, das mich nach einer durchwachten Nacht im Spiegel anguckt? Das gehört doch genauso zur Authentizität wie die schönen Seiten des Lebens. Das ist glaubwürdig, weil wir es alle kennen. Aber vermutlich will es niemand sehen.

Was bedeutet denn Authentizität eigentlich?

Der Duden spricht von Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit, Zuverlässigkeit. Es bedeutet echt und unverfälscht sein. Auf Echtheit geprüft und als Original gefunden. Aber woher erkenne ich denn, dass etwas oder jemand echt ist?

Natürlich, wenn ich mir diese ganzen Instagram und Facebook Accounts anschaue, sehe ich durchaus auch echte Menschen (also, sie existieren). Und das was sie tun, ist bestimmt auch wahrhaftig. Boris Becker oder Paris Hilton zeigen sich vielleicht so wie sie sind. Zumindest könnte man es ihnen abnehmen: das, was sie schreiben und sagen, meinen sie auch so. Auch wenn es mir als Außenstehende vielleicht missfällt. Schlimm finde ich da eher, dass sie auch noch Publikum finden. Aber das ist noch ein anderes Thema.

Diese Menschen setzen ihre “authentische” Persönlichkeit, auch wenn sie eher unsympathisch ist, ganz bewusst als Werbung ein. Sobald du Veröffentlichungen planst, oder auch nur in Betracht ziehst (sie können ja auch geplant spontan sein), setzt du sie gezielt ein. Das ist nicht mehr echt und schon gar nicht authentisch.

Aber geht es überhaupt darum? Woran erkenne ich nun, dass jemand echt ist?

Authentisch ist der, der sich auch verwundbar zeigt

Es geht doch nicht um Meinungen. Echt sein, das gelingt uns doch meistens nur in intimen Momenten, wenn wir uns verwundbar zeigen.


Wir sind doch alle nicht wirklich echt. Wer spricht schon von seinen innersten Gefühlen, wenn er unter Menschen ist, die er kaum kennt? Die wenigsten. Das kommt ursprünglich durch einen sehr verständlichen Selbstschutz. Zu Selbstoffenbarung gehört eine Menge Mut, und den haben wir oft selbst in unseren engsten Beziehungen nicht. Wir belügen uns ja sogar selber oft. Wir spielen uns selber Rollen vor, und den anderen sowieso. Wenn der Selbstschutz so übermächtig wird, ist es an der Zeit, sich damit zu beschäftigen. Sonst verlierst du den Kontakt zu deinen nächsten Menschen. Wer immer in einer schönen shiny Welt leben möchte, belügt sich selber und wird krank. Hier ein interessanter Artikel über den Einfluss Sozialer Medien auf Jugendliche, da geht es jetzt mehr ums Aussehen, ist aber das Gleiche: Daumen hoch fürs Puppengesicht

Wie kann man bei einer Selbstdarstellung in Sozialen Medien überhaupt erwarten, dass diese echt ist?

Wir lassen uns ganz bewusst von Marken und Menschen belügen. Das war schon immer so. Auch die Authentizität ist dem Marketing zum Opfer gefallen. Denn im Grunde genommen wünschen wir uns alle einen echten Kontakt, weil wir soziale Wesen sind und diesen brauchen – nicht in den sozialen Medien, sondern leibhaftig. Keine Rollenspiele. Nicht gespielte Emotionen – echte Gefühle!

Und wie ist das eigentlich mit den Kindern und Jugendlichen von heute? Die leben immer selbstverständlicher in einer “Big Brother”- Welt, so wie Influencer und Youtuber es ihnen vormachen – allzeit die Handycam auf Sendung.

Letztendlich ist jedem selbst überlassen, wie viel er von sich preisgibt. Aber bitte spiel nicht eine “authentische Welt” – je perfekter das alles ist, desto unwirklicher wird es. Vielleicht nenn ich mein Marketing einfach Kunst. Das wäre ein Stück weit ehrlicher, als so zu tun, an mir sei alles echt.