… aber an Weihnachten besonders spürbar

Heiligabend allein muss nicht einsam sein

Dieses Jahr wird für mich ein Heiligabend ohne Familie sein – aus persönlichen und logistischen Gründen. Vorsorglich beschließe ich, den Abend alleine zu verbringen. Meine Freunde sind sowieso alle mit ihren Familien beschäftigt, da fühle ich mich eher fehl am Platz. Allerdings ein paar Stunden in einem Café mit WLAN sollten es schon sein.

Ich habe beschlossen: das wird der Tag sein, an dem ich mit einer neuen Gewohnheit starte: schreiben in Cafés! Jetzt freue ich mich richtig auf den 24. Dezember 2018.

Für den Anfang nehme ich mir einen Jahresrückblick vor. Ein paar Erinnerungen habe ich schon aufgeschrieben, um nicht von null anzufangen. Nun sind an Heiligabend ausgerechnet die meisten Cafés früh zu. Daran hatte ich nicht gedacht. Egal, denke ich, ich werde schon eins finden. Ich bin neugierig, wen ich so treffe. Vor allem, wenn es gegen Abend geht. Ich mache mich auf den Weg und bin überrascht: die Straße ist voll von Menschen. Viele kleine und große Menschen – Familien. Sie wuseln herum, als würden sie sonst nie rauskommen. Eine fröhliche Stimmung. Die Menschen in dem Café, in dem ich nun angekommen bin, die sich angeregt unterhalten, ein Liebespärchen … all das macht mir mein Allein-sein bewusst, auch wenn ich das gerade scheinbar nicht bin.

Schon die Tage vorher hörte ich von meinen Freunden und der Familie, wie sie sich auf Heiligabend vorbereiten. Was sie planten und wie sie sich darauf freuten. Auch wenn ich gerne in Gesellschaft bin – es macht mir nichts aus, alleine zu sein. Das war nicht immer so.

Alleine und einsam

Alleine und einsam zu sein, keinen zu haben, mit dem ich mich verabreden kann, das erinnert mich an die Zeit, in der ich als 17-Jährige zum ersten Mal alleine gelebt habe. Ich war in der Oberstufe und bin nach der Schule aus Einsamkeit zu Karstadt gegangen, ohne etwas zu kaufen. Nur um unter Menschen zu sein. Einsam war ich trotzdem. Ich ging damals sehr gerne zu Schule, denn dort waren Menschen, mit denen ich reden konnte. Die Einsamkeit hat mich noch viele Jahre begleitet. Es war ein langer Prozess, die Einsamkeit auf „nur noch allein sein“ zu verändern und jetzt das Allein-sein wirklich zu genießen. Ganz kleine Schritte, manchmal kaum zu bemerken. Einsam war ich allerdings schon vorher, nur dort wurde es mir deutlich bewusst.

Der Soziologe Robert Weiss von der University of Massachusetts hat in den 70-er Jahren zwei Arten der Einsamkeit unterschieden: die emotionale Einsamkeit, wenn Menschen fehlen, denen ich zutiefst vertraue und mit denen ich emotional verbunden bin und die soziale Einsamkeit, wenn die Gemeinschaft fehlt, der Clan, dem ich zugehöre.

Um 18 Uhr werde ich freundlich aus dem Café gebeten. Ich suche ein neues und muss ein paar Straßen weit laufen. Zwischendurch begegnet mir eine rote Zipfelmütze, Glockengeläut, Menschen hasten schnell noch zur schon geschlossenen Kirchentür. Ich finde ein Café, das bis 24 Uhr geöffnet hat, und suche mir einen schönen Platz. Die Menschen hier sind bunt gewürfelt, viele haben reserviert.

Allein-sein ist normal – wir sind getrennte Wesen

Ab der Geburt sind wir eindeutig getrennt, auch wenn es schon vorher der Fall war. Im Mutterleib vollständig mit Fruchtwasser umhüllt ist es äußerst schwierig für das Wesen dort, sich als einzelnes wahrzunehmen – natürlich auch, weil das Gehirn und damit die Fähigkeit sich wahrzunehmen noch nicht so weit entwickelt sind. Aber ein getrenntes „Es“ entsteht schon gleich nach der Befruchtung, wenn auch erst mal neun Monate in Abhängigkeit zur Mutter.

Die Trennung während der Geburt ist ein einschneidendes Erlebnis und sehr wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit. Das erste Mal außerhalb der Mutter! Im Idealfall ist der Vater da, der das neue Wesen in dieser neuen Welt willkommen heißt.

Wir sind getrennte Wesen. Nur als getrenntes Wesen können wir eigene Erfahrungen machen, gerade in Abgrenzung zu unseren Eltern.

Es geht also auch um Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Dazu gehört die spürbare Liebe der Eltern, also körperliches Angenommen-sein. Konnten wir in unserer frühen Kindheit genügend Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit sammeln, werden wir uns als getrennte Wesen bewusster. Wir werden auch in anderen Trennungserfahrungen sicherer sein, wir werden leichter neue Kontakte knüpfen können – als ich aus meinem Elternhaus ausgezogen bin, war das nicht der Fall. Wenn wir nicht gut allein sein können, haben wir in der Kindheit möglicherweise zu wenig Nähe und Freiheit erlebt.

Die gute Nachricht ist: sich selbst bewusster zu werden, Nähe und Verbindung zu spüren kann jeder lernen.

Einsamkeit – ein Alarmsignal

Einsamkeit kennt wohl jeder mal … meist kommt sie und geht auch wieder. Anders ist es, wenn sie nicht mehr geht. Wenn sie zu einem ständigen Begleiter wird und dich wie ein Schatten verfolgt. Oder gefühlt schon immer da war. Dabei ist sie ein wichtiges Alarmsignal. Dass du dich kümmern solltest – um dich, deine Sicht auf das Allein-sein und die Qualität deiner Beziehungen, auch die zu dir selbst. Einsam kann man auch unter Menschen sein, sie hat erst mal nichts mit allein sein zu tun oder mit der Anzahl von Menschen, die man kennt. Das sagt auch Dr. John Cacioppo, Mitgründer der Gesellschaft für soziale Neurowissenschaften und Autor des Buches „Lonliness: Human Nature and the Need for Social Connection“.  Der wohl größte Forscher der Einsamkeit ist leider im März diesen Jahres gestorben.

Einsamkeit ist die Angst, ausgeschlossen zu werden

Diese Angst ist ein uraltes Gefühl. Vor langer Zeit haben wir in Gruppen gelebt und uns gegenseitig geschützt und versorgt. Ein Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutete ziemlich sicher den Tod. Dies war auch die größte Strafe, die ein Mitglied eines Clans treffen konnte: Verbannung. Heute ist es Einzelhaft. Das Gefühl von Einsamkeit wird im Angstkern des Gehirns produziert und will uns vor der Isolation aus der Gemeinschaft warnen.

Diese Hirnreaktion macht uns zu den sozialen Wesen, die wir sind. Sie ist extrem wichtig für ein funktionierendes gesellschaftliches Leben. Durch Fernsehen und Internet, Essen wird bestellt und gearbeitet wird immer mehr von zu Hause aus, erleben wir im Alltag wenig sozialen Austausch, wenn wir ihn nicht aktiv suchen. In unserer Gesellschaft gibt es immer weniger verbindliche Gemeinschaften – die Zahl der dauerhaft einsamen und isolierten Menschen steigt. Der Wunsch, dazu zu gehören, Menschen um sich zu haben, denen man vertrauen kann und die sich auch um uns sorgen ist aber ein grundlegendes Bedürfnis nach Verbindung. Laut der aktuellen Gutenberg-Gesundheitstudie unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Beutel gibt jeder zehnte Mensch an, einsam zu sein. Das Risiko, an Depressionen, Suizidgedanken und Angststörungen zu leiden ist deutlich erhöht.

Wir spüren die Einsamkeit häufig deutlich, wenn unser soziales Leben sich verändert – Umzug, neue Umgebung, neuer Job, eine Party, auf der du niemanden kennst und natürlich Trennung von einem geliebten Menschen. Die Angst vor Einsamkeit ist auch die größte Motivation, an ungesunden Beziehungen festzuhalten. Das ist ein Trugschluss, denn die fehlende Qualität in einer ungesunden Beziehung wird dir sehr wahrscheinlich viel Einsamkeit bescheren. Über tote Pferde, die du reitest, und von denen du besser absteigen solltest schreibe ich in einem späteren Artikel.

Entscheidend ist auch, ob allein sein fremdbestimmt ist oder ob du das Allein-sein selbst gewählt hat. Dann kann es auch sehr befreiend sein.

Und deine Beziehung zu dir selbst?

Wir sind nicht immun gegen Einsamkeit. Viel wichtiger ist, dieses Alarmsignal ernst zu nehmen und aktiv zu werden. Suche also neue Verbindungen, Gruppen (Sport, Verein, Freundeskreis), zu denen du dich zugehörig fühlst. Schau dir deine bestehenden Beziehungen an, ob sie dir geben, was du brauchst. Aber wichtig ist auch: wie gehst du mit dir selbst um?

Diese wichtige eigene Erfahrung liegt mir sehr am Herzen: meine Beziehung zu mir selbst. Selbstbewusstsein entwickeln wir immer im Kontakt zu anderen und zu uns selbst. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe hat auch ganz viel mit meiner eigenen Wahrnehmung zu tun – ob ich meinen Platz in der Gruppe auch wahrnehmen kann – wahrnehmen im Sinne von erkennen und einnehmen. Mit Menschen in Kontakt zu sein, denen ich vertraue und zu denen ich eine emotionale Verbindung habe, hat auch ganz viel damit zu tun, wie weit ich dieses Vertrauen aufbauen kann und wie weit ich emotionale Nähe zulasse. Mich also selber öffne und mich mit meinen Gefühlen zeige und damit eine Verbindung herstelle.

Seit mir damals meine Einsamkeit so sehr bewusst geworden war, hat es noch einige Zeit gedauert, bis ich erkannte, dass ich selber daran etwas ändern kann. Diese Einsicht ist der erste Schritt und absolut wichtig. Ab da habe ich mir Hilfe geholt. Es war ein langer, steiniger Weg mit Erdrutschen dazwischen, bis ich mein Allein-sein auch wirklich genießen konnte. So steinig muss der Weg nicht sein. Rechtzeitig hinschauen und erkennen, dass du selber handeln musst – diese Entscheidung nimmt dir keiner ab.

Nie hätte ich zu träumen gewagt, hier an Heiligabend einen ganzen Nachmittag und Abend alleine zu verbringen, mit mir selbst und meinem Artikel. Es hat sich gelohnt und ist ganz anders als vor vielen Jahren. Ich habe bewusst das Allein-sein gewählt und war sehr neugierig, wie die Situation verlaufen wird. Schön, dass das Thema mir so „zufällig“ über den Weg gelaufen ist – den Rückblick von 2018 schreibe ich wohl in den nächsten Tagen.

Was für ein Zufall! Gerade hat mich noch ein Freund angerufen, der auch an Heiligabend alleine ist. Er kommt gleich vorbei und wir haben die Möglichkeit, unsere Beziehung qualitativ zu verbessern – durch ein offenes und ehrliches Gespräch zum Beispiel.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.