Wenn man mich nach meiner Vision fragt, komme ich ins Schlingern. Ich stolpere über das Verständnis von Vision und entdecke, was mir dabei helfen kann.

Visionsübung

Im Business Coaching ist es gang und gäbe, mit Visionen zu arbeiten. Jeder braucht eine, um im Business erfolgreich zu sein. Wenn ich Visionsübungen machen soll, heißt es dann: mache sie bunt, mache sie unendlich groß und schön, nimm viele Farben, mal dir ein Bild und besser noch einen 3D Film, in dem du die Hauptrolle spielst.

Wer ist dabei und wo befindest du dich? Meistens endet es bei mir (und auch bei den anderen) an einem Strand mit rauschenden Wellen und Sonnenuntergang, eigenes Strandhaus oder eine vergleichbare weichgezeichnete und paradiesische Situation. Alles reinpacken was du dir so wünschst. Unbedingt große Zahlen nennen.

Für mich alles sehr unrealistisch. Ich bin Realistin, für mich ist es total unglaubwürdig, von riesig großen Zielen und Zahlen zu sprechen, sie sind zu weit weg und nicht greifbar. In mir macht sich ein Gefühl breit von Hochstapelei. Ich tue so, als wäre ich eine Person, die Superkräfte hätte. Wonderwoman. Ich kann die Menschheit verändern, die (böse) Welt besiegen. Oder gleich neu erschaffen. Die Menschheit als Ganzes? Was für ein riesiges Vorhaben.

Bin ich etwa Gott? Ich denke:

Ich bin doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe, was kann ich schon bewirken

Halt, das stimmt so wieder auch nicht! Denn wenn diese Analogie stimmen würde, dann würde die Menschheit als Getriebe komplett still stehen, wenn ein kleines Rädchen klemmt, also in dem Fall ein Mensch nicht funktioniert. Es gibt genügend Menschen=Rädchen, die gar nicht „funktionieren“ (aus welchen Gründen auch immer).

Die werden schnell ersetzt, fraglos ausgetauscht und vergessen. Sie fallen aus dem System, ohne dass das System stehen bleibt. Es gibt gruselige Strömungen im System Menschheit, im Getriebe Menschheit, die ich als einzelne gar nicht aufhalten kann. Da fühle ich mich machtlos.

Aber stimmt das überhaupt? Waren nicht Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela alles einzelne Personen, sogar Jesus? Und haben sie die Welt nicht nachhaltig verändert und beeinflusst?

Das waren und sind doch Ausnahmen, trotze ich, das sind Menschen die im richtigen Moment am richtigen Ort waren. Haben die richtigen Bewunderer und Unterstützer gefunden und konnten so ihre Rolle spielen. Aber hatten sie Macht? In meine Gedankenströmen macht sich noch etwas anderes bemerkbar: Bedeutsamkeit.

Vorbilder helfen für die eigenen Visionen

Vor ein paar Tagen gab es im Tagesspiegel in der Rubrik „Menschen helfen“ ein großes Interview mit Kailash Satyarthi, der seit mehr als 30 Jahren gegen Kinderarbeit kämpft. Die UN Kinderrechtskonvention ist 1990 in Kraft getreten, seit dem ist die Zahl der arbeitenden Kinder von weltweit 260 Millionen auf 152 Millionen gesunken, und daran war er maßgeblich beteiligt. Eine riesige Zahl!

„Mein ganzes Leben werde ich dafür kämpfen, diese Zahl auf null zu verringern. Mein Ziel ist die Globalisierung des Mitgefühls“.

Was für eine Vision! Da bekomme ich Gänsehaut und das Beste: Ich glaube ihm aufs Wort! Was ist hier anders? Für mich ist Kailash Satyarthi ein echter Held. Er hat tatsächlich seine Arbeit aufgegeben, um für Kinderrechte zu kämpfen. Das war bestimmt nicht leicht, und es gab sicher viel Gegenwind und Hindernisse. Er ist mit Herzblut dabei und gegen Kinderleid zu kämpfen macht Sinn.

Deswegen ist er überzeugend. Er ist sehr real, irgendwie anfassbar, und damit fassbar (im Sinne von begreifbar). Ich könnte mir sogar vorstellen, diesen Mann zu interviewen. So real ist er für mich.

Mir wird gerade richtig klar: wir sind keine Rädchen im Getriebe. Genau deswegen brauchen wir Visionen, etwas größeres als uns selbst. Um uns aufzuraffen, die Welt zu verändern, Menschen zu bewegen, die Welt zu verbessern. Um über uns hinaus zu wachsen. Vorbilder wie Kailash Satyarthi, also Helden und doch reale Menschen, helfen uns dabei. Menschen die noch leben und sichtbare Dinge tun. Die messbare Erfolge haben. Wir brauchen diese Menschen, diese Vorbilder. Allein schon für unsere eigene Motivation, um an uns zu glauben – und um Beweise zu haben, dass es machbar ist.

Auf der Suche nach Vorbildern

Mir fällt auf, dass ich lange keine Vorbilder hatte. Immer wenn die Frage danach aufkam, taucht in meinem Kopf ein Fragezeichen auf. Wenn ich mich zurück erinnere waren meine Kindheitshelden aus dem Fernsehen: mit sieben oder acht Jahren die rote Zora und ihre Bande (die gab es wirklich!). Irgendwie auch Pippi Langstrumpf, aber die war erfunden. Schon damals war ich Realisten 🙂

Später kamen Nina Hagen, John Lennon und Doktor Frank’n Furter (also Tim Curry) aus der Rocky Horror Picture Show dazu. Eher Idole als Helden, unnahbar weit weg.

Alltagshelden? Fehlanzeige.

Ein einziges Vorbild in meinem Alltag war kurzzeitig mal unsere Nachbarin. Sie hatte feuerrote Haare, lebte ein wildes, sehr kreatives Leben, nahm kein Blatt vor den Mund und sagte immer, was sie dachte. Sie eckte aber auch dauernd an in ihrer Umgebung, was sie selbst allerdings nicht bekümmerte. Ich aber war damals sehr hin- und hergerissen, vor allem auch, weil ich sehr feine Antennen für meine Umgebung habe, wie sie reagiert. Obwohl sie sozial engagiet war, verfolgte sie aber keine höhere Vision (aha!) und war für mich zu durchgeknallt, um ein geeignetes Vorbild zu sein.

Und was ist mit den Alltagshelden hier und jetzt? Vor allem in der nächsten Nähe? Wen kenne ich da?

Mir fällt Raúl Krauthausen ein, ein Inklusionsaktivist, der sich sehr für Behindertenrechte einsetzt. Ihn habe ich sogar schon mal in der U-Bahn getroffen.

Oder der Architekt Van Bo Le-Mentzel, der mit seiner Tiny Haus University in Berlin dafür kämpft, mehr bezahlbaren Wohnraum nicht nur in Berlin zu schaffen und damit Menschen vor Obdachlosigkeit bewahren möchte.

Das sind für mich Helden! Das sind normale Menschen wie du und ich, anfassbar und in meiner Nähe. Sie inspirieren, motivieren und erreichen etwas – aber dafür kämpfen sie auch, haben Hindernisse vor sich, die vielleicht schwer zu überwinden sind – sie machen es trotzdem und sind sehr menschlich dabei.

Ich nehme mir vor, Tuchfühlung mit meinen Alltagshelden aufzunehmen. Über meine Vision berichte ich dann nächstes Mal.

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