Die Beziehung soll einfach nur laufen….

Dieser Artikel ist was für Selbstoptimierer, die wollen, dass der Laden einfach nur läuft. Bloß nicht viel Gedanken drüber machen. Oder vielleicht doch? Hier geht es um Beziehungen und was das mit Kohärenz, Effizienz und Effektivität zu tun hat. Und letztendlich mit Gesundheit. Unser Gehirn hat uns ganz schön im Griff. Wer das weiß, kann manche Situationen anders angehen.

Ein guter Freund und ich saßen auf ein Glas zusammen und plauderten über das Leben, da kam plötzlich eine merkwürdige Forderung von ihm: die Beziehung mit seiner Frau solle doch einfach nur laufen. Verdutzt schaute ich ihn an. Ernsthaft? Ich kenne ihn als einen sehr souveränen und lebensweisen Mann. Diese Aussage wundert mich doch schon sehr.

Kann es nicht wenigstens zu Hause entspannt sein?

Er blinzelte mir verschmitzt zu. Naja, er wisse ja, dass das nicht so zu erwarten sei. Aber nach der Arbeit, die immer anstrengender werde, dem Stress mit den Kollegen, dann noch Berufsverkehr … Kann es dann, bitte schön, nicht wenigstens zu Hause entspannt sein?

Klar, wünschen wir uns dass nicht alle mal?

Tatsächlich begegne ich besonders Männern, die mir versichern: Sie wissen ja, dass Beziehungen nicht einfach so von alleine liefen. Aber insgeheim hoffen Sie es doch. Eigentlich verstehen Sie, dass Beziehungen immer einen gemeinsamen Austausch erfordern– handeln dann aber doch nicht so. Wie kommt das?

Effizienz vs Effektivität

Eine Erklärung ist: das Gehirn strebt nach Kohärenz, das ist sein Lieblingszustand. Es bedeutet: so wenig Energie verbrauchen wie möglich. Daher kommt auch diese Begeisterung und Streben nach Effizienz – möglichst schnell und mit minimalem Aufwand etwas erreichen.

Ich selber kenne das so gut! Fühlt sich an wie auf Droge. Ist das auch: Dopamin ist der Stoff für das Belohnungszentrum im Gehirn, es treibt dich an und macht aber auch einen Zustand des craving, also ein Suchtverhalten. Ob dieses Ziel auch effektiv ist, ist eine andere Frage. Effektiv ist nämlich erst dann etwas, wenn wir das Richtige tun. Also wenn es den Effekt hat, der uns wirklich zu dem Ziel führt, wo wir hin wollen. Immer wieder ist der Aufwand von Zeit und Anstrengung beim Erreichen eines Ziels nicht so effizient, wie wir es uns vielleicht wünschen. Oder wie das Gehirn es sich wünscht.

Wir wollen also, wenn wir müde von der Arbeit kommen, so schnell wie möglich eine Kohärenz für unser Gehirn herstellen. Denn ein erschöpftes Gehirn ist nicht gut in der Lage, Inkohärenz wie Streit und Stress auszuhalten. Leider sucht der Besitzer des Gehirns häufig nach einer schnellen (scheinbar effizienten weil kurzfristigen) Lösung, Alkohol zum Beispiel (Dopamin – craving!).

Dabei wäre es doch sinnvoller, sich erst mal zu fragen

  • Was wichtiger ist und
  • Wo will ich eigentlich hin? Also was will ich erreichen?

Gemeinsam auftanken

Klar ist auch: auf der Arbeit gibt es häufig Situationen, die schwierig oder einfach vorgegeben sind. Die müssen wir manchmal hinnehmen, und das kostet Energie. Zu Hause haben wir eher das Gefühl, dass wir selber bestimmen können – wäre auch schlimm, wenn nicht. Nur, wenn im Job die Belastungen hoch sind, dann wird es schwieriger, sich auf Bedürfnisse des Partners einzustellen und sich auszutauschen. Dabei ist der Austausch zwischen den Partnern gerade dann wichtig, denn mit einer guten Verbindung zum Partner kann man wieder auftanken. Dafür müssen wir uns gemeinsam Räume schaffen. Räume und Zeiten, die zum gemeinsamen Auftanken festgelegt sind. Sehr nützlich dafür sind zum Beispiel Rituale, die wir als Gewohnheit entwickeln können. Diese können auch ganz nonverbal ablaufen.

Ein simples aber wirkungsvolles Ritual ist: verabschiedet und begrüßt euch bewusst, indem ihr euch umarmt. Einen Moment innehalten und sich und den anderen spüren. Die Umarmung dauert einen kleinen Moment länger als für euch üblich. Der Kuss kommt danach, nicht dabei! Und das täglich. Fange klein an. Zuerst nur, wenn ihr zur Arbeit geht und wiederkommt. Später könnt ihr das erweitern, verlängern, häufiger tun. Und ja, es dauert ein paar Minuten, aber diese Zeit ist gut investiert!

Rituale können auch nonverbal ablaufen

Oxytocin hilft gegen Stress und Burnout

Da wir soziale Wesen sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir von einem gemeinsamen Raum sehr profitieren können. Körperliche Nähe, die wir genießen können, lässt unser Gehirn Oxytocin ausschütten. Es wird auch das Bindungshormon genannt: es fördert Vertrauen, die Bindung von Eltern und Kindern, darüber hinaus vertieft es die Beziehung von Paaren, wird beim Sex ausgeschüttet, dämpft Aggressionen und reduziert Stress und Angst. Es hat wichtige Aufgaben beim Geburtsvorgang und ist eines der sechs Glückshormone, die im Gehirn produziert werden.

Haben wir, anders herum, in unserer Beziehung Stress, der uns dauerhaft belastet, so ist die Wahrscheinlichkeit eines Burnouts recht hoch – also halten wir der (zusätzlichen) Arbeitsbelastung nicht mehr stand.

Besonders für Männer: gute Beziehung gleich längeres Leben

Ganz klar profitieren Männer sehr von einer guten Beziehung. Sogar mehr als Frauen, wie viele Studien feststellen.

Häufig ist die Fürsorge ihrer Frauen ein Grund, warum es Männern in einer Beziehung gesundheitlich besser geht.

Männer merken erst sehr spät, wenn eine Beziehung in einer großen Krise steckt. Frauen machen sich oft schon länger Gedanken und suchen nach Lösungen für sich. Männer fallen dann aus allen Wolken, wenn die Lösung ihrer Frau ist, die Beziehung zu beenden. Nach einer Trennung erholen sich Frauen schneller und oft vollständig davon, Männer häufig gar nicht mehr.

Das hat etwas mit der unterschiedlichen Stressbewältigung zu tun. Männer sind eher leistungs- und erfolgsorientiert und neigen mehr zu Depersonalisation/Depression. Frauen sind eher sozial/emotional/kollektiv orientiert und leiden mehr an emotionaler Erschöpfung. Das ist sowohl im Arbeitskontext als auch in Beziehungen zu erkennen. Männer sind viel mehr vom Leistungsdruck getrieben als Frauen. Hier kommt die Effizienz als Leistungsmerkmal wieder ins Spiel.

Diese Unterschiede sind sogar in der Hirnforschung nachgewiesen.

Also Männer, wollt ihr lieber eine effiziente oder eine effektive Beziehung führen? Offensichtlich ist es schlau, mal einen Gang runter zu schalten und hin zu schauen: nicht ob sondern wie die Beziehung gerade so läuft. Und sich ein paar kreative Rituale einfallen zu lassen – das tut nicht nur der Beziehung und deiner Gesundheit gut, sondern ganz gewiss auch euren Frauen.

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